Der Anfang der gepflegten Langeweile

Die Welt steht still. Seit Tagen immer wieder ein Stückchen mehr. In Hollywood wird nicht gedreht und in den Stadien dieser Welt nicht mehr gespielt. Und was machen wir? Wir Nicht-Schauspieler, Nicht-Sportler? Wir entdecken die Langeweile neu und wissen nicht, wie uns geschieht.

In diesen Tagen wird viel über die Langeweile geschrieben und gesprochen. Die einen feiern sie, die anderen verteufeln sie. Wer sie feiert, schreibt, man müsse jetzt grad gar nichts machen. Nicht endlich produktiv sein, sich nicht optimieren und nicht machen, wofür man sonst nie Zeit hat. Das ist witzig. Ich spüre den gegensätzlichen Impuls. Überhaupt ist das immer so eine Sache, mit den Dingen, die man eigentlich tun müsste: Sie spuken im Hinterkopf herum, kriechen ins Bewusstsein, meistens, wenn’s halt grad so gar nicht passt. Wenn man eigentlich lieber schlafen würde zum Beispiel.

Dabei ist es auch schön zu beobachten, wie unterschiedlich die Menschen mit ihrem Hausarrest umgehen: Da sind beispielsweise die Influencer, die nicht mehr influencen können. Denen der gesamte Content in der Selbst-Isolation weggebrochen ist. Und während die einen sich fragen, wie sie ihre Anhänger nun weiter unterhalten können, fragen die anderen, ob es denn überhaupt zum Gebot der Stunde passe, schöne Outfits und noch schönere Reiseziele zu zeigen. Es ist schwierig: Auch die Follower sind sich nicht einig: Die einen finden es geschmacklos, die anderen lechzen nach ein wenig Ablenkung, nach der Unterbrechung der Langeweile. „Nein, kein Video von zuhause! Zeig uns wieder die Welt und zwar die weite, in schönen Kostümen, garniert mit prallen Blumenbouquets.“
Es ist wie immer: Man kann dafür und dagegen argumentieren.

Und so ist das Smartphone noch mehr als sonst unser Fenster zur Welt. Wir aktualisieren Apps und Messenger: Lesen uns durch Artikel und sind wie noch nie abhängig von politischen Entscheidungen. Und zwischendurch schauen wir durch Instagram in die Vergangenheit, als wir noch frei und froh und wild waren. Und nicht wussten, was wir hatten.

Wir werden gerade entschleunigt auf eine Art und Weise, die wir alle vor ein paar Wochen noch nicht für möglich gehalten hätten.
Das hier ist die nie da gewesene, die einmalige Zäsur. Es passiert nichts und doch ist alles neu. Wir müssen mit dem Hintern zu Hause bleiben und uns aushalten lernen.

Und so haben wir die Gelegenheit die Langeweile und das Nichtstun neu zu erfinden. Aber dieses Mal liegen wir nicht an einem heißen Sommertag am Strand und dösen vor uns hin – und wisst ihr noch, wie gut sich die Langeweile dort aushalten ließ? Vor ein paar Wochen noch oder letztes Jahr? Aber nein, dieses Mal sind wir zuhause, Kinder. Auf der eigenen Couch und das, obwohl wir vielleicht schon den ganzen Tag von genau dieser Couch gearbeitet haben. Und wir pflegen die Langeweile trotzdem, obwohl der Schrank nicht aufgeräumt ist, die Steuererklärung noch erklärt werden will und das Smartphone flüstert, es sei mal wieder an der Zeit, Instagram und Twitter und danach vielleicht noch mal Facebook – Du warst ja schon ewig nicht mehr drauf! – zu öffnen. Und auch das aufgeschlagene Buch will gelesen werden, aber manchmal ist mehr als der Blick zur Decke nicht drin.

Diese Langeweile ist keine Flucht vor dem Alltag, diese Langeweile ist vorerst unser Alltag. Wir werden durcheinander gewürfelt und aufgewirbelt und was am Ende herauskommt, weiß keiner. Aber keiner ist alleine, wir stecken da alle drin.

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